Agiles Arbeiten - Interview mit Gaby Senn - Hawa

«Jeder Workspace verlangt nach einer Idee»

Der vielfach ausgezeichnete Immobilienentwickler Senn aus St. Gallen (Schweiz) hat es sich zur Aufgabe gemacht, menschenfreundliche und motivierende Arbeitsumgebungen zu entwickeln. Gaby Senn, Interior Designerin und Verkaufsleiterin, weiss, wie agiles Arbeiten in einem wandelbaren Büro nachhaltig funktioniert. 

Es bewegt sich viel in der Arbeitswelt und das sehr schnell. Nicht nur die Arbeitszeiten werden flexibler, mit ihnen auch der Arbeitsort. Es gibt kaum mehr feste Arbeitsplätze,  das Homeoffice erfreut sich zunehmender Akzeptanz.  Damit sich niemand in leeren Büroräumen verloren fühlt, müssen Flächen anpassbar und das Office attraktiv sein. «Serendipity» nennt sich die Trendformel mit der dies gelingen soll, was so viel heisst wie «glückliche Zufallsbegegnungen». Zahlreiche der von Senn initiierten Entwicklungsprojekte zeigen, wie ein Arbeitsort diese Begegnungen begünstigt.

Gezielt glückliche Zufallsbegegnungen kreieren
«Jede Entwicklung – vom Areal, über Gebäude bis zum Workspace, verlangt nach einer Idee», erklärt Gaby Senn. Gemeinsam mit den Architekten Herzog & de Meuron planen und realisieren sie das Projekt Switzerland Innovation Park Basel Area Main Campus. Der neue Campus überzeugt beispielsweise durch ein Konzept, das Life Science Start-ups mit altehrwürdigen Gesundheitsinstitutionen zusammenbringt. Die Architektur ermöglicht den Austausch durch gemeinsam genutzte Aussenbereiche, Büroflächen sowie gastronomische Treffpunkte. Hier begegnet die Studentin der Pharma-Führungskraft. «Denn», so Senn, «nur interessante, belebte Arbeitsorte, die den Austausch anregen, überleben langfristig.»

Verstanden hat dies auch die HB-Therm in St. Gallen, ein führender Hersteller von Temperiergeräten. Der neue Unternehmenssitz beherbergt sämtliche Bereiche von der Fertigung bis zur Verwaltung. Derart «fliessende Arbeitsplätze» haben das Potential für zufällige und glückliche Begegnungen. Von ähnlichen Bedingungen fühlten sich auch die Schweizer Design-Ikonen Freitag und Aroma vom Gewerbehaus NŒRD in Zürich Oerlikon angezogen. Die Kreativen lassen sich hier von der Arbeit anderer inspirieren und tauschen sich in der Kantine, die allen Mitarbeitenden im NOERD und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, darüber aus. Dank dieser Berührungspunkte kommt es zur Serendipity . Ein Ökosystem der Kreativbranche entsteht.

Veränderungen für kommende Generationen möglich machen
Moderne Arbeitsorte müssen den wechselnden Bedürfnissen unterschiedlichster Menschen entgegenkommen. Mit mobilen Schiebewänden lassen sich Räume auf jede Teamgrösse skalieren und beliebig umgestalten. Auf diese Weise kann ein Office am Morgen ein gemütlicher Rückzugsort und am Nachmittag ein grosses Sitzungszimmer sein. Ein Vorzug, der sich nicht nur positiv auf die Tagesplanung auswirkt, sondern auch auf die Nutzung eines Gebäudes über Jahrzehnte hinweg.

Nachhaltigkeit ist für das seit 1965 tätige Familienunternehmen Senn ein grosses Thema. Die Projektplaner haben den Anspruch, Arbeitsorte zu entwerfen, die auch für kommende Generationen attraktiv sind. Dabei müssen sie eine klare Vorstellung davon entwickeln, wer genau in diesen Räumen arbeiten wird. «Nur so sind wir in der Lage, ein Konzept zu entwickeln, das sich zukünftigen Anforderungen anpassen kann und Spielraum für noch unbekannte Parameter offenlässt.» Faktisch bedeutet das: Statische und bauliche Planungen dürfen nicht einschränken und eine spätere Umnutzung verunmöglichen. In den Innenstädten soll es sogar möglich sein, Bürogebäude wieder zu Wohngebäuden umgestalten zu können. Spezielles Augenmerk ist dabei auf die tragenden Elemente zu legen. So bieten tragende Treppenkerne oder Fassaden beispielsweise mehr Flexibilität als Tragstrukturen mitten im Gebäude.

Der flexible Arbeitsplatz wird sich durchsetzen
Ob nach der Corona-Pandemie bereits der Höhepunkt des Wandels am Arbeitsplatz erreicht wurde, ist nach Einschätzung von Gaby Senn noch schwer abschätzbar. Die meisten, wenn auch noch  nicht alle Firmen, haben die unumkehrbaren Zeichen der Zeit erkannt und handeln danach. «Somit wird sich ein flexibler Arbeitsplatz – wo möglich – überall durchsetzen», ist sie überzeugt, «schliesslich gehören eine veränderte Mobilität und Klimaschutz eng zusammen. Und daran arbeiten wir schliesslich alle. Egal von wo.»

 

Bilder: © Herzog & de Meuron
Autorin: Stephanie Kleinlein

Wohnqualität dank Flexibilität

Die Tatsache, dass viele Menschen in den letzten Monaten mehr Zeit Zuhause verbracht haben, hat Auswirkungen auf die Ansprüche an die eigenen vier Wände. Gleichzeitig werden diese immer kleiner, da verdichteter gebaut wird. Wir haben mit Dominique Salathé, Professor für Architektur an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Inhaber von Salathé Architekten Basel darüber gesprochen, wie sich diese beiden Tendenzen vereinbaren lassen und welche Zukunft offene Wohnbereiche haben.  

Artikel lesen

Wenig Raum, viele Möglichkeiten

Auch aus einer kleinen Wohnung lässt sich mit flexiblen Lösungen viel herausholen. Das zeigt unser fiktives Beispiel von Kim und David. Sie stehen stellvertretend für viele junge Paare, die sich den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllt haben. 58-Quadratmeter misst ihr neues Glück.

Apartment erkunden

Expertentreff: Wie wir morgen leben und arbeiten

Das Leben wird immer flexibler. Raphael Gielgen, Trendscout des Möbelherstellers Vitra erzählt, warum das eine Chance für die Innenarchitektur ist. Und Markus Föllmi, Bereichsleiter Innovation von Hawa Sliding Solutions wirft einen Blick auf das Spannungsfeld zwischen Vision und Umsetzbarkeit.

Interview ansehen