Seniorenwohnen – ein globaler Megatrend - Hawa

Seniorenwohnen – ein globaler Megatrend

Wir werden älter und bleiben länger gesund. Senioren können deshalb lange selbstbestimmt leben, die Nachfrage nach neuen altersgerechten Wohnungen steigt weltweit. Um die Nutzung von Wohnraum flexibel an demographische Entwicklungen anzupassen, ist es angezeigt, generell nur noch hindernisfrei zu bauen.

Treppenstufen überwinden kostet Kraft, schwere Türen aufstossen ebenfalls und rutschfeste Böden wünscht sich mancher Senior, auch wenn er nicht pflegebedürftig ist. Der Gedanke an eine Alternative zur Wohnung im dritten Stock ohne Lift ist irgendwann nicht mehr fern. Seniorenorganisationen empfehlen in eine altersgerechte Wohnumgebung umzuziehen, solange man noch fit ist. Möglichkeiten gibt es viele – vom Umbau des Hauses über den Einzug in eine Generationensiedlung bis hin zu Seniorenresidenzen. Weltweit übersteigt die Nachfrage das Angebot. Höchste Zeit, dass sich etwas ändert.

Die Gesellschaft altert weltweit
Im Jahr 2050 wird jeder sechste Mensch auf der Welt über 65 Jahre alt sein. Dies entspricht gegenüber heute einer Verdoppelung. Lebten diese Menschen früher bis zu ihrem Tod im Familienverbund, erodieren diese familiären Netzwerke, in denen Kinder als Lebensversicherung galten, allmählich. Die tiefen Geburtenraten tragen dazu bei, dass 2050 eine 60-jährige Japanerin mit grosser Wahrscheinlichkeit ohne Enkelkinder dastehen wird. Diese Entwicklung ist in allen Industrieländern zu erwarten. Nach Europa, Nordamerika und Japan sehen sich bald auch China sowie Taiwan, Südkorea und Singapur mit einer massiven demografischen Alterung der Gesellschaft konfrontiert. Der Staat kann die Familie nicht ersetzen, er kann nur Geld in die Versorgung der Senioren investieren.

Babyboomer sind offen für neue Wohnformen
Die meisten Rentner in der Schweiz, aber auch in den Niederlanden und Schweden, bezeichnen ihre finanzielle Lage als komfortabel. Mehr als die Hälfte von ihnen sind sogar Wohneigentümer. Auch die geburtenstärksten Babyboomer, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, sind meist gut abgesichert. In einem trostlosen Altersheim einsam auf den Tod zu warten, ist für sie keine Option. Stattdessen können sie sich, wie die Schweizer «Age Stiftung» festhält, «Lebensformen, die ihren Ursprung in den 1960er bis 1980er-Jahren haben» im Alter vorstellen.

Dazu gehört in der Schweiz das generationendurchmischte Wohnen, wo Senioren ihre sozialen Kontakte pflegen, beispielsweise auch Enkelkinder betreuen, und deshalb länger fit bleiben und dadurch sogar Demenz vorbeugen.

Global geht der Trend ebenfalls zur Integration des betreuten und des unabhängigen Seniorenwohnens in Gemeinschaften. Falsche Vorstellungen über das Alterswohnen in grossen Teilen der Welt führen jedoch zu Widerstand der Senioren gegenüber diesen Wohnformen.

Allen Seniorenwohnsiedlungen gemeinsam ist der Anspruch auf eine hindernisfreie Architektur. Doch das Alterswohnen setzt zusätzlich auch entsprechende Serviceangebote und ein Management voraus. Denn: Das gemeinsame Leben im Alter ist genauso wenig ein Selbstläufer wie auch in jüngeren Jahren. Es zeigt sich, dass sich Druck auf Bewohner zu gemeinsamen Aktivitäten kontraproduktiv auf das Zusammenleben auswirkt. Eine umsichtige Organisation desgemeinsamen Wohnens ist deshalb für den langfristigen Erfolg eines Wohnprojektes ratsam.

Gemeinsames Wohnen funktioniert vor allem in den Städten
Neue, gemeinschaftliche Wohnformen finden weltweit unterschiedliche Akzeptanz. Diese ist kulturell bedingt und unterscheidet sich von Region zu Region. Was sich global sagen lässt: Altersgerechtes Wohnen setzt sich bisher fast nur in Agglomerationen und Städten durch – auch in der Schweiz. Die Zufriedenheit der Senioren ist heute weniger von der Wohnsituation als vielmehr von der Umgebung des Wohnortes abhängig, stellt der «Age Report IV» der «Age Stiftung» fest. Hier punkten die Städte mit ihren kulturellen und sozialen Angeboten.

Noch vor wenigen Jahren erlebten in der Schweiz Hausgemeinschaften eine steigende Popularität. Doch inzwischen ist diese Entwicklung verflogen. Der Trend geht heute hin zum Generationen- und Cluster-Wohnen, weiss der renommierte Altersforscher François Höpflinger. Der Grund: Jüngere Senioren möchten nicht mit älteren zusammenwohnen.

Generell hindernisfrei erlaubt flexible Nutzungen
Die Nachfrage nach Wohnraum für Senioren folgt der demographischen Entwicklung der Regionen und Länder. Gemäss einer Studie der Vereinten Nationen schrumpft die Weltbevölkerung zwischen 2064 und 2100 um eine Milliarde. In Europa dürfte sich dieser Trend früher einstellen.

«Um auf demographische Veränderungen flexibel antworten zu können, sind alterslose Wohnungskonzepte gefragt. Hindernisfreiheit sollte deshalb die Maxime allen Bauens sein», fordert daher François Höpflinger. So lässt sich bei sinkender Nachfrage eine Alterswohnung in ein Büro oder eine Familienwohnung umgestalten – und umgekehrt. Barrierefreiheit und Ästhetik sollten zudem Hand in Hand gehen.

 

Autor: Philippe Welti

Seniorensiedlungen lassen sich nicht 1:1 exportieren

Eine Architektin aus Singapur und ein Altersforscher aus der Schweiz über Konzepte des Alterswohnens und kulturelle Unterschiede.

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Altersgerechte Wohnungen

Das Wohnprojekt «Zusammenhalt» kompensiert kleine Wohnungen mit grosszügigen Gemeinschaftsflächen. Die Grundrisse der Wohnungen lassen sich durch Schiebetüren verändern.

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Überblick: Wohnformen im Alter

Alterssiedlungen
Selbstbestimmt in entsprechender Umgebung
Sie finden sich auf der ganzen Welt und ermöglichen ihren Bewohnern die grösstmögliche Freiheit und
Selbstbestimmung im Alter. Möglich machen dies die Barrierefreiheit der Siedlung sowie die
altersgerechte Infrastruktur mit Liften, Sicherheitssystemen, Restaurants und oft auch diversen
Freizeitmöglichkeiten. Ein Management, das Angebote koordiniert, kann sinnvoll sein.
Wohnen mit Dienstleistungen
Nicht ganz allein zu Hause
Hier wohnen Senioren, die nur leichte Hilfe und Pflege benötigen, selbständig in barrierefreien Wohnungen. Oft pflegen auch Angehörige die Bewohner. Auch ambulante Dienste von Alters- und Pflegeheimen betreuen die Senioren regelmässig und stehen in Notfällen auf Abruf bereit.
Generationendurchmischte Siedlungen
Von Alt bis Jung
Paare, Singles und Familien jeden Alters leben hier unter einem Dach. Jede Partei verfügt über eine private Wohnung. Gemeinschaftsräume stehen allen Bewohnern offen. Die Idee hinter dieser Wohnform ist es, sich gegenseitig zu helfen und Begegnungen zwischen den Generationen zu ermöglichen. Dies lässt sich allerdings nicht erzwingen, wie die Praxis zeigt.
Seniorenresidenzen
Leben wie im Hotel
Diese bieten einen hohen Lebensstandard in altersgerecht eingerichteten Wohnungen. Zahlreiche hotelähnliche Dienstleistungen, wie Mahlzeiten im angeschlossenen Restaurant, Waschen und Bügeln sind im Mietpreis inbegriffen. Das individuelle Leben mit zahlreichen Bequemlichkeiten macht Seniorenresidenzen zu den kostspieligsten Wohnformen im Alter.
Cluster-Wohnungen
Intimität auf Abstand
Es handelt sich um eine Wohngemeinschaft, in der die Bewohner über den Komfort eigener Wohn- und Schlafzimmer sowie Badezimmer verfügen. Diese Privaträume gruppieren sich zum Beispiel um eine gemeinsame Küche und einen allgemeinen Aufenthaltsraum. Das Leben in Cluster-Wohnungen erfordert von jedem hohe soziale Kompetenzen bei der Organisation des Zusammenlebens.
Studenten und Senioren unter einem Dach
Generationenvertrag
Rentner, die ein freies Zimmer verfügbar haben, bieten Studierenden Wohnraum an. Sie werden dafür nicht in Form von Geld entschädigt, sondern in Form von Dienstund Hilfeleistungen, etwa im Haushalt, im Garten und beim Einkaufen. Die Formel lautet: 1 Stunde Hilfe pro Monat und Quadratmeter. Das Projekt «Wohnen für Hilfe» der Schweizer Pro Senectute funktioniert nicht überall gleich gut.
Alters- und Pflegeheime
Die Klassiker
Pflegebedürftige Senioren erhalten hier eine vollumfängliche medizinisch-soziale Betreuung. Der
teilweise Verzicht auf persönliche Einrichtungsgegenstände und auf Privatsphäre wiegen die vielen
zwischenmenschlichen Kontakte und das hohe Mass an Sicherheit auf. Die Heime unternehmen
Anstrengungen, damit sich die Bewohner zu Hause fühlen.