Der Weg zu einer hindernisfreien Wohnung

Autor: Livio Fürer

Was bedeutet hindernisfreies Bauen und welche Bedürfnisse haben Menschen mit körperlichen Behinderungen? Architekten des Zentrums für hindernisfreies Bauen in Muhen (Schweizer Paraplegiker-Vereinigung) analysieren mit der Schweizer Spitzenrollstuhlathletin Manuela Schär kritische Raumsituationen.

«In den Köpfen der Menschen ist oft verankert, dass man als Rollstuhlfahrerin stets Unterstützung von Hilfspersonen hat und nicht alles selbst macht», sagt Manuela Schär zu Beginn des Workshops. Dabei sei genau die Unabhängigkeit und die selbständige Mobilität für Menschen im Rollstuhl im Alltag wichtig. Dieses Anliegen möchte Felix Schärer, Bereichsleiter des Zentrums für hindernisfreies Bauen (ZHB), stärker in den Fokus rücken. «Es braucht bei den Architekt*innen ein geschärftes Bewusstsein für hindernisfreies Bauen. Inclusive Design sollte sich in der Branche als Standard etablieren», erklärt Schärer. Dabei geht es aber nicht nur um hindernisfreies Bauen als spezielle Kategorie, sondern um die Etablierung eines «Designs for all», auch Universal Design genannt. «Barrierefreie Wohnungen bieten oftmals grundsätzliche Verbesserungen, die nicht nur Personen im Rollstuhl das Leben erleichtern» sagt Micha Waefler, Zeichner beim ZHB.

Obwohl bei Um- und Neubauten das hindernisfreie Bauen inzwischen in der Schweiz gesetzlich verlangt wird, begegnen Rollstuhlfahrer*innen aufgrund des hohen Altbaubestands immer noch zahlreichen Hürden. Eines der grössten Hindernisse sind Drehtüren. Vor allem an Stellen, wo es eng ist, wie im Badezimmer oder im Gang, aber auch in Räumen, wie dem Schlafzimmer, wo der Platz aufgrund der Möblierung gering ist.

Schiebetüren erleichtern den Alltag

Bei der Analyse von kritischen Wohnsituation wird schnell klar, dass Schiebetüren eine entscheidende Entlastung bringen können. Wenn sich die Türe zur Seite schieben lässt, ist sie der Person im Rollstuhl nicht im Weg. Moderne Schiebetüren stehen klassischen Drehtüren in nichts nach und lassen sich auch vollständig dicht schliessen, so dass Geräusche und Gerüche nicht in den Nebenraum gelangen, was vor allem im Badezimmer oder in der Küche gewünscht ist.

Wichtig ist, dass ein Umbau immer auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist. «Sportliche Menschen wie ich, können problemlos etwas schwerere Türen aufschieben. Ältere Personen oder Menschen mit anderen körperlichen Einschränkungen, haben diese Möglichkeit nicht immer» gibt Manuela Schär zu bedenken. Felix Schärer prüft deshalb in seinen Beratungen, ob Schiebetüren mit eingelassenen Muschelgriffen geplant werden können oder ob grössere, aufgesetzte Griffe nötig sind. Muschelgriffe können platzsparender versorgt werden, sind aber schwieriger zu öffnen. Für Personen mit weniger Kraft haben oder sich nicht nach vorne beugen können eignen sich deshalb grössere Griffe besser.  

«Generell ist unser Ziel, immer nur so viel umzubauen wie nötig ist und nicht alles komplett zu vereinfachen» erklärt Felix Schärer den Grundsatz, nach dem solche Umbauten geplant werden. Menschen im Rollstuhl sollten zuhause die Möglichkeit haben, den Alltag zu trainieren, denn ausserhalb der eigenen Wohnung müssen weiterhin Hindernisse überwunden werden.

Wheelchair in barrier-free bathroom floor plan

Hürden abbauen im Badezimmer

Das Badezimmer gehört zu den wichtigsten Räumen einer Wohnung und es muss einfach und bequem zugänglich sein. Oft sind diese Räume aber nicht sehr geräumig. Wenn sich die Türe gegen innen öffnet, bleibt einer Person im Rollstuhl kaum Platz, um zu manövrieren und die Türe hinter sich wieder zu schliessen. Abhilfe schafft hier eine Verbreiterung der Türöffnung sowie der Einsatz einer Schiebetüre. Beides bietet den Rollstuhlfahrer*innen mehr Bewegungsfreiheit für Manöver im Bad und bei der Ein- und Ausfahrt.

Wheelchair in barrier-free wardrobe floor plan

Schlafzimmer und Gang: Die Vorteile von Schiebetüren

Türen spielen eine entscheidende Rolle für die Barrierefreiheit einer Wohnung. Das beginnt bereits bei der Ankleide im Schlafzimmer. Schranktüren sind für viele Menschen im Rollstuhl ein Problem, da oft nicht genug Platz vorhanden ist, um sich mit dem Rollstuhl so zu positionieren, dass die Schranktüren reibungslos geöffnet werden können. Lassen sich diese aber zur Seite schieben, besteht diese Problematik nicht mehr. Ähnlich eng wird es in vielen Wohnungen im Gangbereich wo mehrere Zimmer anschliessen. Wenn diese Zimmertüren in den Gang öffnen, kommen sich Türe und Rollstuhl in den Weg. In der Beispielsituation (Bild rechts unten) liesse sich das relativ einfach lösen mit Türen, die sich zur Seite wegschieben lassen.

Kritische Raumsituationen bestimmen

Die individuelle Wohnsituation analysieren und die persönlichen Bedürfnisse kennenlernen: Nur so kann der Umbau zu einer hindernisfreien Wohnung gelingen. Manuela Schär analysiert mit Felix Schärer und Micha Waefler vom Zentrum für hindernisfreies Bauen Pläne von Wohnsituationen, die für Menschen im Rollstuhl Hindernisse im alltäglichen Leben darstellen. Ziel ist es, durch bauliche Anpassungen in bestehenden Wohnungen Einschränkungen abzubauen.

 

«Als Sportlerin bin ich mobil und selbstständig. Dennoch gibt es im Alltag Hürden, weil bei der Planung nicht an Rollstuhlfahrer*innen gedacht wurde. Es freut mich, wenn das Bewusstsein dafür steigt.»

 

Manuela Schaer wheelchair racing athlete

Manuela Schär (37) gehört zu den aktuell besten Rennrollstuhlsportlerinnen der Welt. Mit zwei Gold- und drei Silbermedaillen war sie an den Paralympics 2020 in Tokio die erfolgreichste Athletin der Schweizer Delegation. Die im Kanton Luzern aufgewachsene Spitzenathletin war bereits vor Ihrem Unfall 1993 eine begeisterte Sportlerin. Als sie im Paraplegiker Zentrum Nottwil die Rennrollstuhlgruppe kennenlernte, fühlte sie sich dort schnell integriert. Auch wenn sie zuerst keine professionelle Sportkarriere anstrebte und eine kaufmännische Ausbildung absolvierte, blieb sie dem Rennrollstuhlsport immer treu. 

Erst mit den Erfolgen an den Paralympics 2008 in Peking wurde Schär ihr Potenzial dann so richtig bewusst. Von da an reduzierte sie ihr berufliches Pensum kontinuierlich und legte den Fokus zudem vermehrt auf Langstreckenrennen. Heute trainiert die mehrfache Weltmeisterin und Weltrekordhalterin sechs Tage pro Woche und arbeitet 20% für die Abteilung «Rollstuhlsport und Freizeit» der Schweizer Paraplegiker Vereinigung.

Schiebetüren fördern inklusives Bauen
Türen bedeuten oft eine grosse Hürde für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Gut geplant bieten Schiebetüren Vorteile gegenüber Drehtüren. Dabei ist es wichtig auf die individuelle Situation einzugehen und verschiedene Aspekte zu beachten.